Tage die man im Kalender am liebsten streichen möchte…

…und nicht rot markieren. So ein Tag geht nun zu Ende und ich bin richtig froh darüber. Mein Vater war stets der „starke Typ“, das „Vorbild“, der Typ den niemand etwas anhaben konnte. Tja, heute wurde mein Vater operiert und lag da vor mir, so wie vermutlich ich damals vor ihm. Klein und zerbrechlich, nichts ist mehr geblieben von der Stärke, der Superheld wurde verwundbar. Aufmerksame Leser in diesem Blog werden bereits wissen, dass ich meine Mutter an die Volkskrankheit Krebs verloren habe, damals war ich 16-17 Jahre alt. Nun bin ich doppelt so alt und mein Vater bekam die Prostata heraus genommen. Die OP ist gut verlaufen, doch er war sichtlich gezeichnet von den Strapazen der OP, vermutlich auch von der Angst vor ihr und vor allem von den Gedanken die ihm durch den Kopf gegangen sein werden. Wir haben heute nicht darüber gesprochen, wir waren heute „lustig“ drauf und haben auch der Krankenschwester auf den attraktiven Hintern geschaut und frauenfeindliche Bemerkungen über den hübschen Arsch gemacht. Warum? Weil er in dem Moment lachen musste. Das tat ihm zwar auch weh, doch ich spürte, dass er genau das wollte. Kein Trübsal blasen, sondern einfach er sein, so wie er ist. Ein kleiner lustiger Kerl, mit dem man Pferde stehlen kann, den nichts aus der Bahn wirft und schon gar nicht so ein blödes Vieh namens Krebs.

Warum schreibe ich das hier? Nun, es ist 1. mein Blog, 2. eine Art Therapie, denn ich habe heute den ganzen Tag ein komisches Gefühl im Bauch und das musste nun mal raus. 2-3 Wochen bleibt der alte Mann nun im Krankenhaus, ich werde ihn also häufiger besuchen und somit auch häufiger ein Krankenhaus von innen sehen. Ich mag keine Krankenhäuser, die riechen schon so nach „Krank“ – kennt ihr das? Die Leute in so einem Krankenzimmer reden auch immer nur über Krankheiten, Operationen und was sie nicht alles durchgemacht haben. Aber da hört man zu und versucht die Gedankengänge genauso wie den Tag am liebsten aus dem Kopf zu streichen.

Danke für die Aufmerksamkeit, ein kleiner Lichtblick war heute dann immerhin noch nachfolgender Schnappschuss. Dafür bin ich dann tatsächlich mal angehalten und habe die Canon EOS drauf gehalten, ich denke das hat sich gelohnt:

Ein kleiner Lichtblick am Horizont, sicherlich kein Meisterwerk aber für mich, der heute tatsächlich mit den Tränen gekämpft hat, denn wer sieht schon gerne seinen Vater so leiden, ein kleines Zeichen: Jeden Tag geht die Sonne wieder auf und mit jedem Tag hat man eine neue Chance den Tag schön zu gestalten. Puh, ganz schön viel harte Kost nun so spät noch am Abend, so früh am Morgen und wann auch immer ihr das hier lest. Aber das gehört wohl dazu… Danke für die Aufmerksamkeit!

14 Kommentare zu „Tage die man im Kalender am liebsten streichen möchte…“

  1. Sascha sagt:

    Die Abneigung gegen Krankenhäuser teilt wahrscheinlich jeder. Selbst Leute, die ich kenne und die beruflich dort arbeiten, mögen diese „ganz spezielle“ Atmosphäre dort nicht, auch wenn man, falls man dort arbeitet, das ganze meist noch ein wenig überspielen kann.

    Ein merkwürdiges Gefühl ist es wirklich, wenn man Menschen, die man schon von kleinster Kindheit an stets nur als „Fels in der Brandung“ kannte, plötzlich vor sich hat und bemerkt, dass auch diese verletzlich / verwundbar sind. Klar erkennt man in einem gewissen Alter, dass die Eltern keine Superhelden sind, sondern ebenfalls nur Menschen aus Fleisch und Blut. Aber dennoch bleibt un(ter)bewusst immer dieses Bild vom heroischen, unverwundbaren Vater bestehen. Väter tun in der Regel ja auch alles dafür, dieses Bild aufrecht zu erhalten 😉 Umso härter trifft es einen dann, wenn das, was man eigentlich schon längst weiß, aber immer erfolgreich verdrängt hat, plötzlich unübersehbar mal Wirklichkeit wird und der Fels eben doch Schwächen zeigt, eben doch „nur“ ein Mensch ist.

    Das macht einem auf schmerzliche Weise bewusst, dass es Vergänglichkeit gibt… unausweichlich. Die macht auch vor ehemaligen Heroen der Kindheit nicht Halt. Dies einzugestehen macht keiner der beiden Parteien Freude… weder den erwachsen gewordenen Kindern, und erst recht nicht dem Vater.

    Um nun aber die Kurve zu bekommen und es nicht zu nachdenklich ausklingen zu lassen, sollte man auch nie vergessen, dass Vergänglichkeit und Verletzlichkeit auch ihre positiven Seiten haben. Sie zeigen einem, wie wertvoll das Leben ist, machen einem manchmal selbiges überhaupt erst wieder richtig bewusst. Und hey, wenn man einen Sohn an seiner Seite hat, der einem auch und vor allem durch die schwierigen Schwäche-Phasen hindurchhilft und für einen da ist, was kann es schöneres geben für einen Vater? Dann weiß er doch, dass er in der Erziehung wohl etwas verdammt richtig gemacht haben muss 😉

  2. Dominik Ratzinger sagt:

    Weil ich mich eben in einer ähnlichen Lage befinde: Danke für diesen tollen Blogeintrag! Im Alltag merkt man oft nicht, wie ein Mensch, der einem etwas bedeutet, altert und zeigt ihm auch nicht so oft, was er einem bedeutet.

    Viele Grüße,
    Dominik

  3. Jens sagt:

    @Sascha – Joar, so ein paar Dinge hat er wohl richtig gemacht, auch wenn er natürlich auch nicht frei von Fehlern ist, aber wer ist das schon? Ich habe noch gelernt was Respekt bedeutet und das zolle ich ihm, auch wenn er nun so da liegt…
    @Dominik – Komisch ist nur, dass einem das erst in solchen Momenten auffällt, mir ist das vorher nie so bewusst gewesen.

  4. Antje sagt:

    Meine Mama ist Anfang unserer 2ten Woche und ihrem 2ten Tag Urlaub vom Fahrrad gestürzt und hat sich einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen. War ich froh als ich nach der OP ihre noch total bematschte Stimme hörte. 2,5 Wochen später hab ich sie heute in der Reha besucht und mir wurde auch klar wie „alt“ sie doch geworden ist …
    Das wächst alles wieder zu und sie wird das mit dem Laufen bestimmt auch wieder hin bekommen *hoff*

    Euch drücke ich jedenfalls die Daumen das irgendwie wieder alles „gut“ wird – blöde Floskel :/ – ich bin in sowas nicht so gut 🙂

  5. Sven sagt:

    Ich wünsche deinem Vater und dir noch viele glückliche Jahre.

  6. Symm sagt:

    Ich kann dich in gewisser Hinsicht gut verstehen. Ich bin im Moment in einer ähnliche Situation. Zwar hat meine Mutter keine körperliche Krankheit, aber auch die Psychischen Dinge sind nicht zu vernachlässigen.
    Meine Mutter steht kurz vor bzw. am Anfang eines Burnouts. In meiner Familie war immer die Mutter der Macher, sie hat immer alles geregelt und organisiert. Und jetzt wirkt sie einfach nur Hilflos. Irgendwie ein komische Gefühl. 30 Jahre in einer Leitenden Position und jetzt klappt irgendwie nichts mehr. Schon ein komisches Gefühl.

    Wünsche dir und deiner Familie das ihr jetzt nach OP ruhe habt.

  7. Marc sagt:

    Ich kenne das Gefühl nur zu gut.

    Mein Vater hatte mehrere Schlaganfälle. Und als es das letzte Mal passiert ist, wurde er vom Notarzt nach Kassel ins Krankenhaus gebracht. Ich wohne im Rheinland, trotzdem war es keine Frage, dass ich mich am nächsten Tag direkt ins Auto gesetzt habe und die 300 Kilometer über die Autobahn gebrettert bin.

    Immer mit dem Gedanken: wie geht es meinem Dad? Wird er wieder ganz gesund? Was erwartet mich im Krankenhaus? Werde ich erschrecken? Angst haben? Die Lieder, die seinerzeit während der Autofahrt in meinem CD-Player liefen, erinnern mich immer wieder auf´s Neue an meine Gefühle und Sorgen und Ängste damals. Und machen mir bewusst, wie kostbar das Leben und meine Familie ist.

    Mein Dad hat sich Gott sei Dank wieder erholt und ist gesundheitlich einigermaßen auf der Höhe.

    Krankheit lehrt Demut.

    Gute Besserung an Deinen Dad und Euch beiden viel Kraft.

  8. Ernster Ton in der Blogosphäre | Uli's Welt sagt:

    […] – solange du kannst geschrieben hat, folgte jetzt auch Jens mit dem ernsten Artikel “Tage, die man im Kalender am liebsten Streiche möchte“, bei dem es um seinen Vater geht, der nach einer OP noch im Krankenhaus […]

  9. muetze sagt:

    also ich hab jetzt da nicht auch noch ne KH Geschichte zum besten zu geben sondern hab nur n kleinen Lied-Tip. Und zwar Kann ich euch das Lied Sonnenstrahl von Schandmaul ans Herz legen der baut euch hoffentlich ein bisschen auf. Hier noch der Link. http://youtu.be/xFVomTTGFN0

  10. Lutz Balschuweit sagt:

    Jens – ich fühle mit Dir und drücke Deinem alten Herrn die Daumen, dass er die Krankheit zum Teufel jagt.

    Ich erspare mir jetzt hier aufzuzählen wer bei uns in der Familie krank, krebskrank, verunfallt oder sonst was ist, weil es Dir nicht hilft.

    Eine Sache hilft Dir aber ganz sicher. Besuche Deinen Vater wie Du es auch vor hast und teile Zeit mit ihm. Habt Spaß und erlebt den Tag.

  11. Sam sagt:

    Ich kenne das mit Ärzten/Krankenhäusern, so geht es mir auch. Das Gefühl, das du bei deinem Vater hast, habe ich auch mit meiner Großmutter. Sie war immer meine Superheldin und jetzt, wo sie schon älter ist, habe ich auch dieses mulmige Gefühl im Bauch…

    ich wünsche nur alles erdenklich Gute.

  12. Nadinechen sagt:

    dann richte mal dem „alten“ Mann – wie du ihn nennst einen lieben Gruß von mir aus und Gute Besserung! 😉

    Das mit der Abneigung von Krankenhäusern kenne ich – ich gehe sehr sehr ungerne in so ein Gebäude. Ich verbinde das mit Schmerzen und Tod.

    Wichtig ist, dass es deinem Dad wieder besser geht und ihr euch nicht nur über Krankheiten unterhaltet, eher von der Zukunft und den Plänen!

    Sehr schöner Beitrag – viel zu selten in der Bloggerwelt! 😉

    Liebe Grüsse aus Bremerhaven

  13. Jens sagt:

    Wird gemacht… du hast den Google+ Eintrag gelesen? OP ist gut verlaufen und scheinbar haben die Ärzte auch alles erwischt…

  14. Landfrau sagt:

    alles Gute für den Papa und Dir..Kopf hoch!